Hier entstehen Lichtgestalten

An der FH Graubünden wird ein Bachelorstudium angeboten, das schweizweit einzigartig ist. Dass das Fach Photonics gerade hier gelehrt wird, ist kein Zufall – die nachwuchshungrige und rasant wachsende Industrie im Tech-Bereich hat ihr Schweizer Zentrum in der Ostschweiz.

Es gibt zwei Antworten auf die Frage «Was ist Photonics?». Die erste ist, dass diese Frage in ein paar Jahren so absurd sein wird, wie wenn heute jemand nicht weiss, was Elektronik ist. Die zweite lautet: lichtbasierte Technologien. Photonics ist der Grund, warum ein iPhone das Gesicht seines Besitzers erkennt. Dank Photonics warnt das immer autonomer werdende Auto uns vor gefährlichen Situationen. Photonics sind die ultradünnen OLED-Bildschirme, intelligente Müllsortieranlagen, lasergeschliffene Gleitsichtbrillen, Endoskope, Glasfaserkabel und der Wasserhahn, der läuft, sobald man die Hand darunter hält, und im Hintergrund wirken oft smarte Sensoren und Bildverarbeitung. Photonics ist schon heute überall und wird morgen ein landläufiger Begriff sein.

«Ja, im Moment ist der Aufklärungsbedarf noch recht gross, aber das Bachelorangebot ist auch erst drei Jahre alt. Und wir bekommen immer mehr Bewerbungen», sagt Prof. Dr. Tobias Leutenegger, der Photonics-Studienleiter an der FH Graubünden. Leutenegger, sportliche Statur, klarer Blick, ist einer jener Bündner, die einige Sturm-und-Drang-Jahre «im Unterland» (damit bezeichnen Bündner eigentlich alles, was nicht Graubünden ist) verbrachten, aber dann wieder in der alten Heimat landeten. «Als die Kinder zu ‹zürchern› anfingen, wussten wir: Wir müssen hier weg», lacht er. Ein Witz. Es gefiel ihm auch in Zürich – wo er übrigens nach der Dissertation an der ETH zwei Jahre Hausmann war ­– sehr gut. Aber natürlich: «Graubünden ist schon extrem schön.»

Grosses Interesse der Industrie

Dieses Jahr wird der erste Photonics-Jahrgang abschliessen. Die Mehrheit der Absolvierenden hat bereits einen Vertrag für ihre erste Stelle nach dem Studium unterschrieben oder steht kurz davor. Der Grund für das grosse Interesse der Industrie liegt auf der Hand – einerseits wächst die Branche, und es werden nur hier praktische Photonics-Spezialistinnen und -Spezialisten ausgebildet, andererseits haben viele der Absolvierenden schon im Studium auf Projekten der Firmen gearbeitet und ihre zukünftigen Arbeitgebenden so kennengelernt. Die Zusammenarbeit zwischen der Fachochschule und der Industrie ist eng, rund 43 regionale und nationale Unternehmen aus dem Hightech-Bereich gehören zum Partnernetzwerk des Studienangebotes. Mit so viel Interesse und Engagement aus der Wirtschaft sind die Absolvierenden schnell vergeben.

 

Dass einige der Studierenden nach ein paar Semestern einen anderen Weg einschlagen, erachtet Leutenegger als ganz natürlich. Man müsse erst herausfinden, ob das Fach zu einem passe. «Gerade für solche, denen das technische Arbeiten nicht liegt, ist Photonics nicht das richtige Studium. Der ideale Photonics-Studierende ist jemand, die oder der sehr technikinteressiert ist und vielleicht schon im Jugendzimmer einen Lötkolben und ein Netzteil auf dem Pult hatte.»

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Fokus auf der Technik

Denn hier wird genauso gelötet und geschraubt wie programmiert und konfiguriert. «Man muss schon ein grosses Interesse am technischen Aspekt und Freude an technischen Spielereien haben», so Leutenegger, der Infoveranstaltungen für Interessierte deshalb gleich im Labor macht. Rund 20 Prozent des Studiums macht die praktische Arbeit aus, der Rest reicht von Grundlagen der Physik und Mathematik über Lasertechnik bis zu Management und Innovation. Studierende kommen aus allen Landesteilen und verschiedensten Erstausbildungen: Hier treffen ElektronikerInnen auf InformatikerInnen, auf OptikerInnen genauso wie auf PolymechanikerInnen und PhysiklaborantInnen.

Die Energie von Tobias Leutenegger für «sein» Fach und «seine» Studierenden ist fast greifbar, wenn er durch die verschiedenen Räume des Instituts führt und die laufenden Projekte erklärt. Er bezeichnet das Studienangebot als «begleitetes In-die-Wand-Laufen»: «Wir schauen, dass nichts passiert, dass sie wieder aufstehen; dann werden sie diesen spezifischen Fehler nie mehr machen. So lernt man, so entsteht Innovation.» Gut möglich, dass eine der nächsten Technologien, ohne die wir uns schon nach der ersten Anwendung ein Leben nicht mehr vorstellen können, von einem seiner Studierenden entwickelt wurde.

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