Zwischen den Welten

Regina Alves ist eine Pendlerin – zwischen Bühne und Büro, zwischen Herz und Hirn, zwischen Südamerika und der Schweiz. Daheim fühlt sie sich überall dort, wo eine Herausforderung wartet.

Regina Alves hat genau abgemessen, bis wo das Tattoo auf der Unterseite ihres linken Handgelenkes reichen darf, damit es noch vom Ärmel ihres Hemdes verdeckt wird. Das Motiv, das sie bei der Arbeit versteckt – nicht weil sie muss, sondern weil sie möchte: ein Notenschlüssel. «Jeder Mensch hat zwei Seiten», sagt die Brasilianerin. «Ich lebe meine künstlerische, romantische Seite in der Musik und meine seriöse Seite bei der Arbeit.» Diese zwei Seiten, sie vermischen sich jedoch nicht nur auf dem Handgelenk von Regina Alves, sondern in ihrem ganzen Leben.

«Die Band ist wie eine kleine Familie», sagt sie und ergänzt: «Wie mein Team bei der Arbeit.»

«Ich möchte im Ausland studieren. Kann ich hier auftreten?», fragte sie zwei Jahre lang, um in ihrer Heimatstadt Fortaleza Wochenende für Wochenende von Bar zu Bar zu tingeln und Geld zu sammeln. Nicht irgendwohin ins Ausland sollte die Reise gehen, sondern nach Europa. Genauer: dorthin, wo es die beste Bildung gibt. «Ich wusste rasch», sagt sie, «welches Studium ich brauche, um in der Schweiz Fuss fassen zu können.»

Schweiz, Graubünden, Hamilton Bonaduz: Zu Regina Alves’ Aufgaben als Betriebsingenieurin gehört es, Services zu organisieren und die «Engineers in the field» zu koordinieren, wie sie auf Englisch sagt. «Ich übersetze quasi zwischen ihnen», sagt Regina Alves. «Dafür muss ich beide Perspektiven verstehen.» Sie sitzt organisatorisch gesprochen an der Schnittstelle zwischen Kunden und Technikern. Örtlich gesprochen an ihrem Arbeitsplatz im Untergeschoss des Gebäudes, vor dessen Eingangsfoyer die Flaggen der Schweiz, der USA und Graubündens im Wind wehen, der über die Berge ins Tal zieht. «Ich liebe die Aussicht hier», sagt Regina Alves. Die Mittagspause nutzt sie für Spaziergänge, vorbei am Feld, auf dem Gemüse selbst geerntet werden kann, die von Wäldern gesäumten Bergmassive stets im Sichtfeld. «Das mache ich aber nur, wenn es heiss genug ist», sagt sie, «schliesslich bin ich Brasilianerin.»

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In den ersten Monaten bei Hamilton arbeitete sie in der Produktion. Einer Abteilung, wie sie sie in Brasilien selbst geleitet hatte. «Der Wechsel machte mir nichts aus», sagt sie. «So lernte ich auch die andere Seite kennen», und ihr blieb keine andere Wahl, als von Anfang an Deutsch zu sprechen. «Viele Menschen, die in der Produktion arbeiten, haben nur wenig Englischkenntnisse», sagt sie. Und sowieso sei es höflicher, in der Schweiz Deutsch zu sprechen. Dreimal wöchentlich besucht sie einen Kurs auf dem Niveau B2, selbstständige Sprachverwendung. «Üblicherweise dauern alle Kurse zusammen fünf Jahre», sagt sie. «Ich möchte sie in zwei schaffen.»

Doch nicht immer genügen Worte, egal wie viele man von ihnen kennt. «Wenn ich keine Worte finde», sagt Regina Alves, «finde ich einen Song». Die Lieder über Liebe, die daraus entstehen, übt sie wöchentlich mit ihrer Band «What the Funk» in einem Proberaum in Chur. Die Mitglieder der Band lernte sie kennen, nachdem sie eine E-Mail mit den Worten «Wenn ihr wollt, spiele ich ein paar Songs» an die HR-Abteilung von Hamilton sendete. Zurück kam eine Antwort mit der Zusage für die Weihnachtsfeier. Er spiele Bass und trage ein Konzept für eine Band mit sich herum, sagte einer ihrer 1250 Mitarbeiter an der Feier. Ob sie nicht einmal zusammen jammen wollen. Bei den Proben und Auftritten von «What the Funk» spielt er Bassgitarre, ein weiteres Mitglied Saxophon, Regina Alves spielt Gitarre und Schlagzeug und singt. «Die Band ist wie eine kleine Familie», sagt sie und ergänzt: «Wie mein Team bei der Arbeit.»

In Brasilien hat sie vieles hinter sich gelassen: Freunde und Verwandte, ihr Netzwerk in der Musikszene, die ersten Auftritte vor mehreren Tausend Menschen. Doch sie habe alles erreicht, was sie sich wünschte, seit sie vor zehn Jahren den Entschluss gefasst hatte, in die Schweiz zu kommen. Bis auf eine Sache: «Bei den deutschen Artikeln liege ich in 90 Prozent der Fälle falsch», sagt sie. «Aber ich versuche es trotzdem immer wieder.» Aufgeben, das überlässt sie den anderen.

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